Die klassische Hochrechnung – ein Relikt aus dem letzten Jahrtausend

Die Produktlandschaft in der Lebensversicherung ist recht komplex geworden. Längst gibt es mehr als nur die klassische und die fondsgebundene Versicherung. Entsprechend erhöht sich auch der Bedarf nach intensiver Beratung. Produktratings und Produktvergleiche sind da eine willkommene Unterstützung. Neben Kosten, Optionen und Features eines Produktes spielen bei Produktvergleichen vor allem die möglichen Leistungen eine wesentliche Rolle. Beim Einsatz von solchen Produktvergleichen darf man den gesunden Menschenverstand aber nicht ausschalten: Die Ergebnisse der Vergleiche sollte man durchaus kritisch hinterfragen.

Frank Genheimer, Partner und Geschäftsführer von New Insurance Business, gibt wertvolle Tipps und nützliche Hinweise für den Umgang mit Produktvergleichen rund um Rentenversicherungen. Zum Auftakt der Reihe erläutert er die übliche Funktionsweise einer Hochrechnung – und wie man diese richtig einschätzt.

 

 

Ein besonderes Augenmerk bei Produktvergleichen liegt auf den garantierten und den möglichen Leistungen. Hochrechnungen sollen dabei dem Vertrieb und Endkunden ein Gefühl für die möglichen Leistungen geben. Im Gegensatz zur Produktlandschaft haben sich diese Hochrechnungen aber nicht weiterentwickelt. Es gab sie in dieser Form schon im letzten Jahrtausend. Bei diesen klassischen Hochrechnungen wird unterstellt, dass die zugrundeliegende Kapitalanlage sich jährlich konstant entwickelt – zum Beispiel, mit drei, sechs oder neun Prozent.

„So einfach und leicht verständlich dieser klassische Ansatz ist, so irreführend ist er auch!“

Keine Kapitalanlage hat eine konstante Wertentwicklung, außer vielleicht seit ein paar Jahren das Sparbuch mit null Prozent. Standardmäßig kommen bei diesen Hochrechnungen auch keine negativen Prozentsätze zum Einsatz. Im besten Fall sieht man mal eine „0“ – als ob eine Wertentwicklung von null Prozent das Schlimmste ist, was etwa bei einer Fondsanlage passieren kann.

Mein Hauptkritikpunkt an der klassischen Hochrechnung ist aber: Es bleibt dabei völlig unklar, ob der angenommene Prozentsatz bei dem Produkt und der Kapitalanlage überhaupt möglich oder realistisch ist. Wie groß die Wahrscheinlichkeit ist, dass die Kapitalanlage gerade die angenommene Performance von zum Beispiel sechs Prozent pro Jahr tatsächlich erbringen kann? Das bleibt völlig im Dunkeln.

„Was ich bei einem handelsüblichen Würfel im Mittel erwarten kann, kann ich auch nicht davon ableiten, welche Augenzahl ich bei einem einzigen Wurf erreiche!“

Die klassische Hochrechnung betrachtet also nur sehr wenige der vielen möglichen Entwicklungen der Kapitalanlage. Und sie sagt auch nicht aus, wie wahrscheinlich diese sind. Dies führt je nach Produktkonzept zu gravierend falschen Einschätzungen: Ablaufleistungen von fondsgebundenen Rentenversicherungen verschiedener Anbieter unterscheiden sich teils erheblich. Manche Garantieprodukte haben eine höhere mögliche Ablaufleistung als reine fondsgebundene Versicherungen. Vorsicht, hier kann doch etwas nicht stimmen!

Um die wahren Performance-Chancen zu enttarnen, ist es elementar, bei jedem Produkt die tatsächlichen Performance-Treiber zu identifizieren. Dazu muss man die genaue Ausgestaltung der Kapitalanlage im Detail enträtseln. Beim nächsten Mal schauen wir uns dazu die FLV mal etwas genauer an!