Quo vadis Deutsche Rentenversicherung?

Die Schlagzeilen der letzten Tage zur gesetzlichen Rentenversicherung hatten es in sich. So konnte man beispielsweise in der FAZ unter dem Titel „Rentenkommission vor dem Aus“1 lesen, wie schwer sich die zuständige Arbeitsgruppe tut. Diese wurde von der Bundesregierung im Sommer 2018 eingesetzt, um einen „verlässlichen Generationenvertrag“ für die Zukunft zu formulieren. Nun kehren namhafte Experten der Kommission angesichts politisch verordneter Denkverbote frustriert den Rücken.

Dann die Grundrente – nun ist sie da. Das Prestigeprojekt der Regierung wurde vom Bundeskabinett vor wenigen Tagen beschlossen. Und hat meines Erachtens das Potenzial zum rentenpolitischen Rohrkrepierer. Sie beseitigt nicht das vorhandene strukturelle Problem. Vielmehr doktert sie ein bisschen an den Symptomen herum – nicht mehr. Die Finanzierung der Grundrente steht auf wackeligen Füßen, soll sie doch durch eine europäische Finanztransaktionssteuer finanziert werden. Doch diese existiert noch gar nicht (und ob sie kommen wird, steht in den Sternen über Brüssel). Schon die Verwaltung der Grundrente wird laut Aussagen der Deutschen Rentenversicherung allein im ersten Jahr hunderte Millionen Euro verschlingen.

Und auch die Rentenkasse an sich benötigt schon jetzt zusätzlich zu den Beiträgen der Versicherten und der Arbeitgeber über 100 Milliarden (!) Euro aus der Steuerkasse. Diese Schallmauer wird in diesem Jahr erstmals in der Geschichte erreicht. Tendenz für die kommenden Jahre stark steigend.2

Und dann auch noch dies – zwar nicht wirklich überraschend, aber immer wieder für einen kollektiven Aufreger gut: Die Rentenbezugsdauer der Menschen in Deutschland steigt und steigt. In meinem Geburtsjahr, 1967, lag die durchschnittliche Rentenbezugsdauer von Frauen bei circa 12 Jahren, von Männern bei rund 10 Jahren. Heute können sich Frauen über eine durchschnittliche Rentenbezugsdauer von fast 22 Jahren und Männer von über 18 Jahren freuen3.

Die Rente begann damals im Durchschnitt mit etwa 64,5 Jahren. Und heute – Achtung! – liegt das durchschnittliche Renteneintrittsalter der Frauen bei 64,1 Jahren und der Männer bei 64 Jahren3. Finden Sie den Fehler!

Weitere Herausforderungen für unser Rentensystem finden sich in meinen Augen zudem in den heutzutage weniger geradlinig verlaufenden Erwerbsbiografien. Denn es gibt immer mehr Mini-Einkommen und eine größere Anzahl von Single-Haushalten. Außerdem sind nach wie vor wichtige Beitragszahlergruppen außen vor und die Anzahl der Beitragszahler geht zurück – das betrifft letztlich auch die Folgen der Digitalisierung für die Berufswelt: Haben Sie sich schon mal die Frage gestellt, warum Roboter, die Menschen am Arbeitsplatz ersetzen, keine Sozialversicherungsbeiträge zahlen?

Für mich führt aus all diesen Gründen kein Weg daran vorbei: Wir brauchen mutige Schritte, um unser gesellschaftlich unglaublich wertvolles Rentensystem wetterfest für die Zukunft zu machen. Anstatt kleine Pflaster auf große Wunden zu kleben und ein paar Wahlgeschenke hier und da zu verteilen, wünsche ich mir ein entschlossenes und gemeinsames Vorgehen der politisch Verantwortlichen.

Und neben der deutlich besseren Förderung der privaten und betrieblichen Altersvorsorge darf auch der folgende Gedanke kein Tabu sein: Wir werden nicht daran vorbeikommen – das Renteneintrittsalter muss sich der steigenden Lebenserwartung weiter anpassen. Von einer Rente mit 67 sind wir weit entfernt. Heute liegt es, wie oben beschrieben, sogar unter dem von 1967.

Auch die Diskussion über eine Rente mit 70 muss ernsthaft geführt werden. All die damit verbundenen offenen Fragen gehören jetzt auf den Tisch. Sicher können nicht alle so lange in ihrem Beruf arbeiten, aber wir sind doch auch nicht alle Dachdecker, Berufs-Kraftfahrer oder Maurer! Selbstverständlich braucht man für handwerklich und körperlich Tätige eine andere Betrachtungsweise als für Schreibtischtäter wie mich.

Es wird höchste Zeit, mit dem Rentenmurks aufzuhören und stattdessen offen und ehrlich den Menschen die Augen zu öffnen: Die gesetzliche Rente ist eine Basisabsicherung für das Alter. Das war sie immer und wird es immer sein. Für alles andere stehen wir parat und bieten ein lebenslanges Einkommen, das den Lebensstandard sichert.

Herzlichst

 

 

 

 

Markus Drews
Haupt­bevoll­mächtig­ter der
Canada Life Deutsch­land


1 https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/deutsches-rentensystem-rentenkommission-droht-das-scheitern-16633538.html

2 https://www.dia-vorsorge.de/gesetzliche-rente/100-milliarden-euro-fuer-die-rente/

3 https://www.dia-vorsorge.de/gesetzliche-rente/rentenbezugsdauer-steigt-besonders-bei-frauen/