Mehr Auswahl, mehr Verantwortung: Auch das Altersvorsorgedepot braucht professionelle Begleitung

Gastbeitrag von Dr. Klaus Mühlbauer

Teil 2

Das Altersvorsorgereformgesetz sorgt in den Produktentwicklungsabteilungen von Banken (v.a. Neobrokern), Investmentgesellschaften und Versicherungen für Bewegung. Die Fülle an Informationen und neuen Regelungen stellt Finanzberater vor die Herausforderung, den Überblick zu behalten und Auswirkungen auf die individuelle Kundenberatung richtig einzuordnen. Gleichzeitig wächst bei Endkunden das Interesse an den neuen Möglichkeiten der staatlich geförderten Altersvorsorge. Insbesondere das Altersvorsorgedepot steht dabei oft im Mittelpunkt. Bei aller Aufmerksamkeit für die neue Förderung sollte jedoch eines nicht aus dem Blick geraten: Die Altersvorsorge in Deutschland resultiert weiterhin aus 3 Schichten. Welche neuen Chancen sich gerade daraus für eine ganzheitliche Vorsorgeberatung ergeben und warum der Blick auf die gesamte Versorgungssituation eines Kunden wichtiger denn je ist, analysiert Dr. Klaus Mühlbauer, Experte für Kapitalmarktseminare.

Dr. Klaus Mühlbauer ist Kapitalmarktexperte mit langjähriger Börsen- und Vertriebserfahrung. Seit 2013 ist er als selbstständiger Unternehmensberater, Buchautor und Referent für Kapitalmarktseminare tätig. In unserem Online-Magazin beleuchtet er den Finanzmarkt und teilt sein Investment-Know-how.

Altersvorsorge als Gesamtkonzept

Mit dem Gesetz zur Reform der steuerlich geförderten privaten Altersvorsorge (Altersvorsorgereformgesetz) wird ein wichtiger Teil der zweiten Schicht der Altersvorsorge neu aufgestellt. Bei der Einordnung der neuen Möglichkeiten sollte jedoch der Blick auf das gesamte Altersvorsorgesystem mit seinen 3 Schichten gerichtet bleiben:

Schicht 1: Basisversorgung

Schicht 2: staatlich geförderte Altersvorsorge

Schicht 3: private Vorsorge

Das neue Altersvorsorgereformgesetz steht damit nicht isoliert neben den bestehenden Vorsorgelösungen. Vielmehr kann es bereits lange bestehende Altersvorsorgekonzepte um neue Gestaltungsmöglichkeiten ergänzen:

Für eine individuelle Ruhestandsplanung ist es deshalb entscheidend, die neuen gesetzlichen Möglichkeiten in bereits vorhandene Vorsorgestrukturen von Kunden einzuordnen und mit bestehenden Verträgen, Ansprüchen und persönlichen Zielen abzugleichen. Das Altersvorsorgedepot ist damit weniger ein Ersatz für bestehende Vorsorgelösungen als vielmehr ein weiterer Baustein innerhalb eines ganzheitlichen Altersvorsorgekonzepts.

Wer die Wahl hat, hat die Qual

Das Altersvorsorgedepot eröffnet die Möglichkeit, gefördertes Altersvorsorgevermögen ohne Kapitalgarantien und damit stärker kapitalmarktorientiert zu investieren. Daneben bleiben Garantieprodukte mit unterschiedlichen Garantieniveaus bestehen. Die neue Produktwelt soll den Wettbewerb zwischen verschiedenen Anbietern und Vertriebswegen stärken und damit auch die Auswahlmöglichkeiten für Verbraucher erweitern. Grundsätzlich stehen 3 Produktvarianten im Mittelpunkt:

In Altersvorsorgedepots können verschiedene gesetzlich zugelassene Anlageinstrumente genutzt werden:5

Kapitalgarantien – 80 % bzw. 100 % der eingezahlten Beiträge zuzüglich der Altersvorsorgezulagen – gelten für das zu Beginn der Auszahlungsphase zur Verfügung stehende Kapital.

Die größer gewordene Auswahl kann Kunden jedoch die Entscheidung für das passende Vorsorgekonzept erschweren. Damit gewinnt individuelle Beratung an Bedeutung. Welches Modell geeignet sein kann, hängt unter anderem von Anlagehorizont, Risikoneigung und den Zielen für die spätere Auszahlungsphase ab:

  1. Höhere Renditechancen durch mehr Kapitalmarktbeteiligung

Mit dem Altersvorsorgedepot wird erstmals eine geförderte Altersvorsorge ohne Garantievorgaben möglich. Dadurch können größere Teile des Vorsorgevermögens chancenorientiert am Kapitalmarkt investiert werden und später zu höheren Auszahlungsbeträgen führen. Höhere Renditechancen gehen allerdings mit höheren Wertschwankungen einher. In der Auszahlungsphase sind künftig neben lebenslangen Leibrenten befristete Auszahlungspläne möglich, die mindestens bis zum 85. Lebensjahr laufen müssen. Nach Ablauf eines Auszahlplans enden die Auszahlungen.

  1. Sicherheit durch lebenslange Versorgung

Lebenslange Leibrenten bleiben eine zentrale Option für die Auszahlphase. Die monatlich ausbezahlten Beträge werden vermutlich nicht die Höhe von Auszahlplänen erreichen. Dafür bieten Leibrenten einen entscheidenden Vorteil: Die vereinbarten Rentenzahlungen laufen bis zum Lebensende. Mit steigender Lebenserwartung („Longevity“) kommt lebenslangen Rentenzahlungen eine noch größere Bedeutung zu.

Kapitalmarktnahe Produkte

DepotlösungenVersicherungslösungen
Einzahlphase:
Geförderter Fondssparplan

Auszahlphase:
Entnahmeplan bis zum 85. Lebensjahr
Einzahlphase:
Geförderte Fondspolice

Auszahlphase:
Lebenslange Leibrente

Versicherungslösungen dürfen derzeit von 178.810 Personen angeboten werden.9 Das Finanzanlagenvermittlerregister weist jedoch nur 41.211 Zulassungen aus, die Altersvorsorgedepots vermitteln dürfen.10

Die Grenzen zwischen den Produktlösungswegen sind nicht starr: Zu Beginn der Auszahlungsphase ist ein Anbieterwechsel möglich. So kann beispielsweise das Vermögen aus einem Altersvorsorgedepot auf einen Anbieter übertragen werden, der eine lebenslange Leibrente anbietet.

Gerade diese Wahlmöglichkeiten machen die neue Altersvorsorge beratungsintensiv. Für Finanzberater geht es künftig darum, die verschiedenen Möglichkeiten der Anspar- und Auszahlungsphase mit persönlichen Lebenssituationen von Kunden in Einklang zu bringen. Mehr Auswahl bedeutet somit auch mehr Verantwortung in der Beratung.

Das Standard-Depot: Regulierte Basis mit Fokus auf Kosten

Alle Anbieter von geförderten Altersvorsorgeprodukten müssen ein gesetzlich definiertes, online abschließbares Standard-Depot mit 2 Anlagebausteinen anbieten:

  1. Sicherheitsbaustein: Fonds der Risikoklassen 1 und 2
  2. Renditebaustein: Fonds der Risikoklassen 3 bis 5

Über die Aufteilung der beiden Bausteine können Altersvorsorgende selbst entscheiden. Wird keine individuelle Aufteilung gewählt, greift eine standardisierte Anlagestrategie mit einer schrittweisen Reduzierung des chancen- und risikoreicheren Anlageanteils zum Ende der Ansparphase:

Diese Aufteilung gilt bis zum Ende der Auszahlphase, kann jedoch vom Anleger individuell angepasst werden.

Beim Standard-Depot liegt der Fokus auf den Kosten. Die Effektivkosten („Reduction in Yield“) beinhalten Fonds-, Vertrags- und Vertriebskosten und sind auf 1 % p.a. begrenzt. Sie müssen über die gesamte Laufzeit verteilt werden. Für deren Berechnung wird die Wertentwicklung eines Vertrags zum einen vor und zum anderen nach Kosten betrachtet. Die Differenz wird als jährlicher Prozentsatz ausgewiesen. Die Modellannahmen für die Berechnung werden von der Produktinformationsstelle Altersvorsorge (PIA) vorgegeben.11

Das Standard-Depot setzt einen Referenzpunkt für die neue Produktwelt: standardisierte Gestaltung, kapitalmarktorientierte Anlage und eine gesetzlich begrenzte Kostenbelastung.

Für die Beratung bleibt dennoch die entscheidende Frage, ob die standardisierte Lösung zur individuellen Situation des Kunden passt, oder ob ein individuell konzipiertes Altersvorsorgeprodukt aufgrund von Anlagezielen, Risikoprofil, Garantiewunsch oder gewünschter Auszahlungsform die geeignetere Alternative darstellt.

Maßgeschneiderte Lösungen brauchen professionelle Beratung

Neben Standard-Depots werden sehr wahrscheinlich zahlreiche Anbieter auf erweiterte Produktlösungen („Premiumdepots“) setzen. Im Gegensatz zu standardisierten Lösungen können dabei weniger Kostenvorgaben, sondern vor allem individuelle Gestaltungsmöglichkeiten mit einer größeren Anzahl wählbarer Fonds und langfristige Ertragschancen im Mittelpunkt stehen. Es ist davon auszugehen, dass der Wettbewerb zwischen den Anbietern für transparente und marktgerechte Kosten sorgen wird.

Für die Beratungspraxis bedeutet das: Nicht allein die Kosten sollten im Fokus stehen. Entscheidend ist vielmehr, den konkreten Nutzen von Produkt und Beratung transparent zu machen. Denn während sich mediale Beiträge erfahrungsgemäß häufig auf Kosten konzentrieren, entsteht der tatsächliche Kundennutzen vor allem durch eine ganzheitliche Lösung:

Die gesetzlichen Regelungen zur Vergütung zeigen zudem: Mit dem neuen Gesetz setzt der Gesetzgeber verstärkt auf direkte digitale Abschlussmöglichkeiten und damit auf eine Art „Do-it-yourself-Rente“. Die Praxis zeigt jedoch, dass Finanzdienstleistungsprodukte überwiegend im Rahmen einer Beratung abgeschlossen und nicht eigenständig gekauft werden. Gerade bei langfristigen Entscheidungen wie der Altersvorsorge besteht bei Kunden häufig eine erhebliche Lücke zwischen dem Bewusstsein für die Notwendigkeit einer Lösung und deren konkreter Umsetzung.

Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass die Gewichtung einzelner Anlageklassen mehr Einfluss auf Renditen haben kann, als die Fondsauswahl.12 Damit wird deutlich: Die entscheidende Beratungsleistung liegt nicht allein in der Produktauswahl, sondern in der Entwicklung einer passenden Anlagestrategie. Für Finanzberater liegt darin eine zentrale Chance: Beratung schafft Orientierung, hilft bei der Einordnung individueller Chancen und Risiken und unterstützt Kunden dabei, aus einem guten Vorsatz eine tragfähige finanzielle Lösung für ihre Altersvorsorge umzusetzen.

Am besten sprechen Sie zeitnah Ihre Kunden auf eine ganzheitliche Altersvorsorgeberatung an, denn die Ausgestaltung der neuen Altersvorsorge eröffnet viele Möglichkeiten, jedoch macht erst eine qualifizierte Beratung daraus eine passende Lösung. Denn auch Finanzinstrumente entfaltet ihren Nutzen erst durch die richtige Anwendung. Ein Werkzeug ist eben nur so gut wie der Handwerker, der es zu bedienen weiß.


Quellen

1 Geschichte der Betriebsrente historischer Rückblick rentenbescheid24.de
2 Riester-Rente: Das müssen Sie über die private Altersvorsorge wissen | Verbraucherzentrale.de
3 Statistik zu Riester-Verträgen – BMAS
4 Zahl der Basisrenten im Jahr 2025 steigt
5 Bundesfinanzministerium – Fragen und Antworten zur Reform der geförderten privaten Altersvorsorge; Was darf ins Altersvorsorgedepot? ETFs, Fonds & Co. erklärt
6 UCITS = Undertakings for Collectiv Investments in Transferable Securities Ucits einfach erklärt – Börsenlexikon
7 Alternativer Investmentfonds einfach erklärt – Börsenlexikon
8 Aktuelles & Presse – Neue Regeln für ELTIF – Bafin
9 Registrierungen im Versicherungsvermittlerregister
10 Statistik Registrierungen im Honorar-Finanzanlagenberaterregister
11 Effektivkosten – Produktinformationsstelle
12 Brinson Model – Implementation in Excel [PDF] Determinants of Portfolio Performance – Free Download PDF; Determinants-of-Portfolio-Performance-an-update.pdf

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