Die BU-Versicherung von morgen

Gastbeitrag von Philip Wenzel

Die Berufsunfähigkeits-Versicherung ist ein bisschen wie ein Airbag. Jeder weiß, wie wichtig sie ist, wenige wissen, wie sie funktioniert und keiner ist so richtig scharf darauf, mal eine zu brauchen. Außerdem taugen beide nicht als Statussymbol.

Dabei ist die BU-Versicherung auch dafür da, den Lebensstandard zu halten und sich weiter leisten zu können, was man will. Ich kann da mein Instagram-Leben absichern oder auch nur die existenziellen Ausgaben. Ganz nach Gusto.

Wenn ich für mich den richtigen Tarif suche, dann muss ich heutzutage eigentlich nicht mehr groß Tarife analysieren oder einen Vergleichsrechner bemühen. Die Bedingungen sind mittlerweile insgesamt auf sehr hohem Niveau und unterscheiden sich kaum voneinander.

Im Leistungsfall gibt es eher noch Unterschiede. Die finde ich aber auch nicht in den Bedingungen. Und im Leistungsfall ist halt auch schon recht spät.

Eigentlich komisch: Nur wenige Versicherer sind bisher darauf gekommen, dass sie sich mit Service vom Wettbewerb abheben könnten. Und das wäre nicht mal schwierig. Teuer wäre es auch nicht. Am Ende würde der Versicherer vermutlich sogar Geld sparen.

Aber der Reihe nach. Ich will mal ein paar Vorschläge machen, wie eine BU-Versicherung für die Kunden erlebbarer und vor allem hilfreicher sein könnte, als es die Rentenzahlung im Leistungsfall ist.

Stand jetzt zahlt die Berufsunfähigkeits-Versicherung in den meisten Fällen eine zeitlich begrenzte Transferleistung. Nämlich dann, wenn ich in meinem Beruf aus gesundheitlichen Gründen für mindestens sechs Monate nur noch zur Hälfte arbeiten kann.

Wenn das eintritt, sind vor allem junge Menschen daran interessiert, umzuschulen und ihr Leben wieder alleine in den Griff zu bekommen. Eine Umschulung dauert zwei bis drei Jahre – und die durchschnittliche Rentenzahldauer ist bei jungen BU-Beständen in der Regel auch nicht mehr als ein oder zwei Jahre darüber.

Für den Kunden ist das irgendwie unfair, weil er sich mit einer Umschulung um eine schon bezahlte Leistung bringt. Es ist so, als würde man für ein All-you-can-eat-Buffet bezahlen, aber sich nur einmal was holen. Aber beides ist irgendwie auch besser so …

Wenn wir wissen, dass die meisten ja umschulen würden, dann sollte der Versicherer doch mehr tun, das zu unterstützen.

Jeder Versicherer verfügt über ein Netzwerk an Heilbehandlern, mit denen er durch zahlreiche Leistungsfälle Kontakt hat, und auch an Arbeitgebern, die er über betriebliche Versicherungen kennt. Da könnte er doch zum Beispiel dem Kunden die Möglichkeit geben, sich schon dann zu melden, wenn der aktuelle Chef anfängt zu nerven. Und bevor sich ein psychisches Problem entwickelt, kann der Versicherer eine vergleichbare Arbeitsstelle in der Nähe empfehlen. Oder, wenn es schon schlimmer ist, einen Psychotherapeuten, der helfen kann, bevor es zu spät ist.

Die Kosten für den Versicherer für so eine Hotline halten sich in Grenzen. Zumal hier ja auch potenzielle Leistungsfälle vermieden werden können.

Man könnte auch in eine Fitness-App investieren. Erste Gedanken dazu haben ja schon einige Versicherer. Das Spannende sind hier aber nicht die Unmengen an Daten, die illegal abgefischt werden können. Und auch nicht, dass hier Leistungsfälle vermieden werden können. Denn strenggenommen ersetzt Sport ja auch nur Krankheit durch Unfall.

Ich fände es interessant, weil in der Risikoprüfung zur Berufsunfähigkeits-Versicherung häufig ein Ausschluss oder ein Zuschlag nur aus einem Grund erhoben wird: Der Versicherer hat keinen Einfluss darauf, wie sich der BMI, die Skoliose oder das Erschöpfungssyndrom in den nächsten 30 Jahren entwickeln wird.

Mit einer App könnte ich überwachen, ob das Gewicht zunimmt und so auf einen Zuschlag wegen Übergewicht verzichten. Und wer seine Übungen regelmäßig macht, kommt um den Ausschluss der Wirbelsäule rum.

Unterm Strich gibt es bereits die technischen Möglichkeiten. Und die Versicherer haben auch die notwendigen Netzwerke, um so wichtige Versicherungen wie eben die BU-Versicherung für den Kunden sinnvoll zu verbessern. Damit können sie die BU-Versicherung auch schon während der Vertragslaufzeit und unabhängig vom Leistungsfall erlebbarer machen.

Durch Begleitung, Anleitung und Hilfestellung führt der Versicherer seine BU-Kunden gesund und flexibel durch ihr Arbeitsleben. Dass der Kunde deswegen die eigentliche BU-Leistung vielleicht gar nicht braucht, stört ja auch nicht weiter. Ich beschwere mich ja auch nicht beim Autohersteller, wenn ich wegen ABS den Airbag nicht gebraucht habe.

Philip Wenzel ist Fachwirt für Versicherungen und Finanzen (IHK) und als Versicherungsmakler (BSC|Die Finanzberater) tätig. Er verantwortet in der SCALA Finanzgruppe den Bereich biometrische Risiken.

 

Mit mehreren Artikeln, Dossiers und Büchern hat er sich innerhalb der Branche einen Namen als BU-Experte gemacht. Besonders die Kombination verschiedener Produkte und die Konzentration auf die wesentlichen Ausgaben des Kunden sind sein Markenzeichen.

 

Seit 2020 ist er mitverantwortlich für Worksurance, einem Infoportal für Endkunden, das von der Idee wie Wikipedia aufgebaut ist. Alle Experten am Markt sollen ihr Know-how im Sinne des Kunden bündeln.

Er lebt mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern in Kemnath in der Oberpfalz.