Die Verrentungsphase: Der blinde Fleck einer ganzen Branche

Gastbeitrag von Frank Genheimer, Partner und Geschäftsführer von New Insurance Business

Die Versicherungs- und Finanzbranche kann Ansparphase. Sie kann Sparpläne. Sie kann Fondspolicen. Sie kann ETFs. Sie kann Modellportfolios. Sie kann Garantien. Sie kann steuerliche Förderung. Sie kann sehr viel erklären, berechnen, verwalten und verkaufen – solange Geld in das System hineinfließt.

Aber dann kommt der Moment, auf den die Altersvorsorge ausgerichtet ist. Der Ruhestand. Und ab genau dann wird es erstaunlich dünn.

Frank Genheimer, New Insurance Business

Was passiert mit dem aufgebauten Kapital? Wie wird daraus ein verlässliches Einkommen? Wie viel darf aus einem Vermögen monatlich entnommen werden? Was sollte investiert bleiben? Und vor allem, wie? Wie viel sollte sicher geparkt sein? Brauche ich zusätzliche Liquidität? Sollte auch Langlebigkeit abgesichert werden? Was passiert bei schlechten Kapitalmarktjahren zu Beginn meines Ruhestands?

Es sind sehr viele Fragen. Und deshalb schließt eine weitere an: Wer begleitet Menschen durch diese Lebensphase? Die ehrliche Antwort lautet oft: niemand so richtig ganz.

Der Markt hat sich bewegt. Aber nur in der ersten Halbzeit.

Der aktuelle Vorsorgemarkt bewegt sich seit Jahren stark in Richtung Kapitalmarkt. Das ist vielfach richtig. Mehr kapitalgedeckte Vorsorge, mehr Investmentlogik, mehr Eigenverantwortung und bessere langfristige Renditechancen sind wichtige und richtige Themen.

Und es ist ein klares Signal: Altersvorsorge wird kapitalmarktnäher. Aber genau dadurch wird die zweite Hälfte umso wichtiger.

Wenn mehr Menschen Kapital aufbauen, müssen auch mehr Menschen später entscheiden, ob und wie sie dieses Kapital sinnvoll nutzen. Wer Kapitalmarkt in der Ansparphase fördert, darf die Auszahlphase dann erst recht nicht ignorieren. Sonst entsteht eine neue und viel dramatischere Beratungslücke.

Vorne moderne Investmentlogik, hinten Improvisation.

Es reicht nicht, Vermögen noch besser aufzubauen. Die Branche muss erklären, wie aus Vermögen ein verlässliches Einkommen im Ruhestand wird.

Die Branche denkt bis zum Ablauf. Kunden leben danach aber noch weiter.

Die meisten Vorsorgeprodukte enden gedanklich am Ablauftermin der Sparphase. Auch die private Rentenversicherung. Dort steht dann ein Kapitalbetrag, die Ablaufleistung.

Für den Anbieter ist das ein sauberer Endpunkt.
Für Kunden ist es keiner.

Für Kunden beginnt an diesem Punkt eine neue finanzielle Lebensphase. Wahrscheinlich sogar die anspruchsvollste. Denn nun geht es nicht mehr darum, Vermögen aufzubauen. Nun geht es darum, Vermögen so zu nutzen, dass daraus Lebensstandard, Sicherheit und Handlungsfähigkeit entstehen kann.

Und genau hier ist die Lücke. Die Branche hat über Jahrzehnte davon gelebt, Kapital einzusammeln. Sie hat dafür Produkte, Prozesse, Vergütungssysteme, Beratungsschablonen und Marketinglogiken entwickelt. Die viel schwierigere Frage wurde bisher nicht mit derselben Konsequenz bearbeitet: Wie kommt das Kapital später wieder sinnvoll aus dem System in die Taschen der Kunden?

Die Rentenphase ist nicht einfach „Ansparphase, nur rückwärts“. Wer spart, hat Zeit, laufende Einzahlungen und meist eine gewisse Fehlertoleranz. Wer entnimmt, hat laufenden Bedarf, begrenzte Reserven, Kapitalmarktrisiken, Inflationsdruck und das Risiko, länger zu leben als geplant – bzw. länger als mit der vermeintlich erwarteten Lebenserwartung vorgerechnet wird.

In der Ansparphase ist ein schlechter Börsenmonat unangenehm. In der Entnahmephase kann eine schlechte Marktphase zu Beginn strukturell gefährlich werden. Genau deshalb reicht es nicht, aus einem Sparplan irgendwann einfach einen Entnahmeplan zu machen.

Die falsche Antwort: Warum ein Entnahmeplan allein zu wenig ist

Wie anspruchsvoll die Ruhestandsphase ist, zeigt sich bereits bei einfachen historischen Analysen von Entnahmeplänen.

Wir haben untersucht, wie regelmäßige Entnahmen auf Basis von historischen Kapitalmarktdaten über längere Zeiträume gewirkt hätten. Die zentrale Erkenntnis: In der Entnahmephase zählt nicht nur die langfristige Durchschnittsrendite. Entscheidend ist vor allem auch, wann welche Renditen kommen.

Abbildung: Analyse von Entnahmeplänen mit historischem DAX-Verlauf und Resampling-Pfaden
Die Darstellung dient der fachlichen Illustration historischer Szenarien und modellhafter Kapitalmarktverläufe. Sie erlaubt keine Aussage über zukünftige Entwicklungen und ersetzt keine individuelle Anlage-, Steuer- oder Vorsorgeberatung.

Die kleine Grafik zeigt den historischen DAX-Verlauf sowie drei beispielhafte Resampling-Pfade. Beim Resampling werden historische Tagesrenditen neu gezogen und zu alternativen Kapitalmarktverläufen zusammengesetzt. So entstehen Pfade, die auf historischen Renditebausteinen beruhen, aber andere Reihenfolgen der Renditen abbilden.

Die große Grafik zeigt, bei welchen monatlichen Startentnahmen das Kapital innerhalb des betrachteten Zeitraums von 20 Jahren vorzeitig aufgebraucht worden wäre.

Die Ergebnisse zeigen eindrucksvoll: In der Entnahmephase zählt nicht nur die langfristige Durchschnittsrendite. Entscheidend ist auch die Reihenfolge der Renditen. Unterschiedliche Marktverläufe können bei gleicher Entnahmelogik zu deutlich unterschiedlichen Ergebnissen bei der Tragfähigkeit des Entnahmeplans führen. So zeigt sich beispielsweise bei Resampling 1 bei einer Startentnahme von 400 €, dass keiner der Entnahmepläne vorzeitig beendet worden wäre. Bei Resampling 2 wäre bei gleicher Startentnahme dagegen bei rund 30 % der Entnahmepläne das Vermögen vorzeitig aufgebraucht worden.

Details zu Methodik, Annahmen und Ergebnissen finden sich im Blogpaper zur Analyse.

Schlechte Börsenjahre direkt zu Beginn des Ruhestands sind sehr gefährlich. Denn wer in fallenden Märkten gleichzeitig Kapital entnimmt, verkauft Substanz genau in dem Moment, in dem sie eigentlich Zeit zur Erholung bräuchte.

Dazu kommen Kosten und Inflation. Beide wirken nicht überraschend oder spektakulär. Aber beide arbeiten dauerhaft gegen den Entnahmeplan. In der Entnahmephase treffen sie zusätzlich auf die laufenden Auszahlungen. Genau diese Kombination macht einen scheinbar stabilen Entnahmeplan plötzlich fragil.

Die zentrale Erkenntnis ist deshalb einfach: Die Rentenphase ist eine eigene Phase. Mit eigenen Regeln.

Vom Sparen zum Entsparen: Es braucht ein Umparken im Kopf

Viele Grundsätze, die in der Ansparphase richtig und wichtig sind, gelten in der Rentenphase plötzlich nur noch eingeschränkt oder sogar genau umgekehrt. Wer Vermögen aufbaut, verfolgt andere Ziele als jemand, der jahrzehntelang davon leben möchte.

Hier nur ein paar Beispiele:

Diese Veränderungen sind kein kleines Detail. Sie stellen viele vermeintliche Gewissheiten der Ansparphase auf den Kopf.

Wer die Rentenphase erfolgreich gestalten möchte, braucht deshalb vor allem auch ein anderes Denken.

Für den Ruhestand braucht es eine eigene Logik – die Ruhestandslogik

In der Praxis wird die Rentenphase häufig zu binär gedacht. Kapital oder Rente. Flexibilität oder Sicherheit. Depot oder Versicherung. Rendite oder Garantie.

Diese Gegenüberstellung ist meist sehr bequem. Aber sie ist auch viel zu grob.

Die meisten Menschen brauchen keine einzelne Lösung. Sie brauchen eine ganzheitliche Struktur.

Ein Teil des Vermögens muss verfügbar bleiben. Für geplante Ausgaben, Unvorhergesehenes, Wohnen, Pflege, Familie oder schlicht für das Gefühl, nicht vollständig festgelegt zu sein.

Ein anderer Teil kann, ja sogar muss, investiert bleiben. Der Ruhestand ist kein Zeitpunkt, an dem der Anlagehorizont automatisch auf null fällt. Wer mit 65 in Rente geht, kann 85, 90 oder älter werden. Das ist ein langer Zeitraum. Inflation verschwindet im Ruhestand auch nicht. Kaufkraft bleibt relevant und muss erhalten bleiben. Kapitalmärkte bleiben daher relevant.

Ein weiterer Teil kann in ein planbares Einkommen überführt werden. Hierfür stehen viele Optionen offen.

Die Frage lautet also auch nicht: Entnahmeplan oder lebenslange Verrentung?

Ruhestandsplanung ist weniger eine Produktfrage als vielmehr eine Architekturfrage. Die Rentenphase muss deshalb modular gedacht werden. Nicht als eine einzige Entscheidung. Sondern als flexibles Zusammenspiel mehrerer Bausteine über die Zeit: Sparen, Investieren, Parken, planbare Entnahmen, lebenslanges Einkommen und Absicherung von Risiken.

Und dies erfordert in den meisten Fällen auch eine laufende Begleitung. Der Ruhestand ist keine Einmalentscheidung mit 65. Märkte ändern sich. Gesundheit ändert sich. Ausgaben ändern sich. Familienverhältnisse ändern sich. Wohnsituationen ändern sich. Wünsche ändern sich.

Eine gute Rentenphase braucht deshalb eine übergeordnete Steuerung. Eine Ruhestandslösung muss mehr leisten als monatliche Überweisungen. Sie muss klären, wie hoch die Entnahme sein darf. Welche Reserven gehalten werden. Was bei schlechten Märkten passiert. Ob die Entnahmehöhe über die Zeit angepasst wird. Wie Inflation berücksichtigt wird. Welche Vermögensteile investiert bleiben. Welche Teile defensiv stehen. Und ob und ab wann lebenslange Einkommen wichtiger werden als die maximale Flexibilität.

Warum Versicherer auf der Pole Position stehen – eigentlich

Versicherer sind bei diesem Thema eigentlich in einer sehr starken Position. Sie verstehen Langlebigkeit. Sie können biometrische Risiken kollektivieren. Sie können lebenslange Einkommen darstellen. Sie haben Erfahrung mit Garantien, Kapitalanlage, Regulierung und langfristigen Verpflichtungen. Und sie haben schon viele Kunden, die irgendwann zwangsläufig vor der Frage stehen, was mit ihrer Ablaufleistung passiert.

Trotzdem wirkt die Rentenphase bei vielen Lebensversicherern bestenfalls wie ein Annex. Eine Option im Vertrag. Ein Rentenfaktor in der Police. Eine Produktvariante hinten im Regal. Schon etwas verstaubt.

Der Ruhestand ist für viele Lebensversicherer noch immer kein strategisches Kundenthema. Das ist riskant.

Denn wenn Versicherer die Rentenphase nicht gestalten, werden andere sie besetzen. Banken. Vermögensverwalter. Digitale Plattformen. FinTechs. Asset Manager. Vorsorge-Apps. Vielleicht lösen diese Anbieter das Langlebigkeitsrisiko nicht vollständig und optimal. Aber sie können Kundenzugang, Nutzererlebnis, Investmentlogik und laufende Begleitung besetzen. Versicherer sollten deshalb nicht warten, bis die Rentenphase zum nächsten verlorenen Kundenschnittpunkt wird. Umgekehrt müssen Vermittler heute auf die paar wenige Lebensversicherer setzen, die bereits Lösungen für den Ruhestand bieten.

Fazit: Die zweite Halbzeit zählt

Man stelle sich vor, beim Fußballspiel werden zwar beide Halbzeiten gespielt, aber nur die erste entscheidet über Sieg und Niederlage.

Die Ansparphase ist wichtig. Keine Frage. Ohne Kapitalaufbau gibt es später wenig zu verteilen.

Aber die Ansparphase ist nur der erste Teil. Der zweite Teil beginnt mit dem Ruhestand. Und dort entscheidet sich, ob Vorsorge wirklich funktioniert. Nicht im Produktprospekt. Nicht im Modellportfolio. Nicht im Rentenrechner. Sondern im Leben der Menschen.

Die Branche braucht einen Perspektiv- und Strategiewechsel. Weg vom Denken in Ablaufleistungen. Weg von der Frage „Welches Produkt verkaufen wir bis 65?“. Und hin zur Begleitung in der Ruhestandsphase.

Weg von der Diskussion „Kapital oder Rente?“ und hin zu Liquidität, Entnahmen, Verrentung und laufender Steuerung.

Die Verrentungsphase ist kein Randthema. Sie ist der Praxistest der Altersvorsorge. Und genau deshalb darf sie nicht länger der blinde Fleck einer ganzen Branche bleiben.

Es geht nicht um Fachbegriffe: Auszahlplan, Entnahmeplan, Sofortrente, Fondsrente, Garantieprodukt oder Depotlösung, oder Kopfkissen.

Es geht um eine einfache Übersetzung: Aus Vermögen muss Lebensstandard werden.

Wer 30 oder 40 Jahre spart, will am Ende nicht nur einen Kontostand sehen. Er oder sie will wissen, was dieser Kontostand bedeutet. Monat für Monat. Jahr für Jahr. In guten Märkten. In schlechten Märkten. Bei erwarteter Lebenserwartung. Bei sehr langem Leben. Mit Inflation. Mit Pflegefall. Mit Partnerin oder Partner. Mit Kindern. Mit Enkeln. Mit Freiheit.


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