Neobroker im Wandel: Welche Chancen sich für die Altersvorsorge junger Kunden eröffnen

Gastbeitrag von Dr. Klaus Mühlbauer

Neobroker wie Trade Republic stehen aktuell vor einem echten Umbruch: Das EU-weite Verbot ihres auf Rückvergütungen basierenden Geschäftsmodells („Payment for Orderflow (PFOF)“) zwingt sie dazu, ihre Einnahmequellen neu zu denken. Gleichzeitig bleibt ihr zentrales Versprechen – einfaches Handeln von Wertpapieren – weiterhin gefragt. Die Möglichkeit, bereits mit geringen Beträgen kostengünstig Wertpapiere kaufen und verkaufen zu können, begeistert vor allem junge Menschen. Genau hier entstehen Chancen für neue Beratungsansätze. Wie sich langfristige Altersvorsorge sinnvoll mit kurzfristigem Trading verbinden lässt, erläutert Dr. Klaus Mühlbauer, Experte für Kapitalmarktseminare.

Dr. Klaus Mühlbauer ist Kapitalmarktexperte mit langjähriger Börsen- und Vertriebserfahrung. Seit 2013 ist er als selbstständiger Unternehmensberater, Buchautor und Referent für Kapitalmarktseminare tätig. In unserem Online-Magazin beleuchtet er den Finanzmarkt und teilt sein Investment-Know-how.

Neobroker – Revolution à la Robin Hood?

Robin Hood, der sagenumwobene Bogenschütze des Mittelalters, stand Pate für die erste digitale Wertpapierhandelsplattform für Privatkunden. Der im April 2013 gegründete Online-Broker Robinhood warb mit der Idee des provisionsfreien Handels von Aktien und Exchange Traded Funds, ETFs.1 Als erklärtes Ziel wurde die Demokratisierung der Aktienanlage ausgerufen. Tatsächlich prägen der günstige Handel mit Wertpapieren sowie niedrige betragliche Einstiegshürden eine neue Ära. Insbesondere junge Investoren sehen darin große Vorteile: Sie können mit geringem Geldeinsatz am Kapitalmarkt partizipieren.

Im Jahr 2015 brachte das Unternehmen Trade Republic – damals noch unter dem Namen „Neon Trading“ – dieses Geschäftsmodell nach Deutschland. Und das mit beachtlichem Erfolg. Mittlerweile verwahren etwa 8 Mio. Menschen (Schätzungen zu Folge 5,3 Mio. in Deutschland) Aktien und ETFs in Depots des deutschen Marktführers.2 Zahlreiche Mitbewerber, teilweise mit später angepassten Geschäftsmodellen, finden sich inzwischen als Plattformen für den Aktien-, ETF- und Kryptohandel:3

Ausgewählte Neobroker (alphabetisch)Gründungsjahr
Bitpanda2014
Comdirect pure1994 [comdirect]
Finanzen.net Zero2000 [finanzen.net]
Scalable Capital2014 [Robo-Advisor]
Smartbroker2019
Trade Republic2015

Für Mitte 2026 planen die Sparkassen mit „S-Neo“ ein spektakuläres Angebot auf den Markt zu bringen, das direkt über der millionenfach genutzten Sparkassen-App abrufbar sein soll.4
Bei aller Euphorie ist jedoch wichtig zu wissen, dass die Dienstleistungen von Neobrokern keineswegs kostenlos angeboten werden. Zwar kostet eine Wertpapiertransaktion auf den ersten Blick oft nur einen Euro, doch ein Teil der tatsächlichen Kosten bleibt für Anleger unsichtbar – vor allem die Differenz zwischen Kauf- und Verkaufskursen, die sogenannten Spreads.

Neobroker – Analyse des Geschäftsmodells

Die Geschäftsmodelle von Neobrokern sind „trading-orientiert“. Sie generieren ihre Einnahmen durch den Handel mit Wertpapieren. Je häufiger Transaktionen stattfinden, desto attraktiver ist das für die Anbieter. Langfristige Anlagestrategien nach dem „Buy-and-Hold“-Prinzip sind diesem Geschäftsmodell kaum dienlich. Doch welche Kosten entstehen und was ist darunter zu verstehen?

Kosten für KundenHintergrundwissenInterpretation
Fremdkostenpauschale / OrdergebührenJeder Wertpapierauftrag verursacht Kosten. Oft wird je Order nur 1 Euro berechnet.1 Euro pro Trade scheint in den wenigsten Fällen ausreichend, um ein langfristig tragfähiges Geschäftsmodell zu sichern.
Kosten während der Haltedauer (pro Jahr) / ProduktkostenVerwaltungsvergütung (Management Fee), welche die Kapitalverwaltungs-gesellschaft, KVG (Fondsgesellschaft), für die Verwaltung von Kundengeldern erhebtJährlich berechnete Produktkosten fließen den Produktgebern zu. Das ist im Falle von ETFs die KVG. Neobroker erhalten davon (bisher*) zumeist keinen direkten Anteil.
Zuwendungen von Dritten an die Bank, Payment for Orderflow (PFOF)Rückvergütung von Wertpapierhandelsbanken** an NeobrokerJe mehr Orders über eine Transaktionsstelle geroutet werden, desto höher fällt die Rückvergütung für Neobroker aus. Diese Zuwendungen werden mittels Differenz zwischen Kauf- und Verkaufskursen (indirekt) von Kunden getragen.
SpreadsDifferenz zwischen An- und Verkaufskurs bei WertpapiertransaktionenZahlreiche Einflussfaktoren haben Auswirkungen auf die Höhe des Spreads – vor allem:
• Liquidität (Häufigkeit von Käufen und Verkäufen) eines ETFs
• Handelszeit (Börse geöffnet oder geschlossen)
*Neobroker pochen bei ETFs auf Bestandsprovision | Unternehmen | 18.02.2026 | FONDS professionell; **baaderbank.de; **ls-d.de

Sowohl nur eingeschränkt nachvollziehbare Kostenstrukturen, als auch Anreize zu häufigen Wertpapiertransaktionen zeichnen ein eher negatives Bild von Neobrokern. Dem entgegen stehen die Vorteile von einfachen Wertpapiertransaktionen sowie Investitionsmöglichkeiten bereits mit geringen Beträgen. Auf eine Bewertung der Plus- und Minuspunkte soll hier verzichtet werden. Auch bei Neobrokern ist es entscheidend, Vor- und Nachteile zu kennen und für sich gezielt damit umzugehen.

Neobroker – aktuelle Veränderungen und Chancen für die Finanzberatung

Das ursprüngliche PFOF-Geschäftsmodell von Neobrokern wurde EU-weit im März 2024 aufgrund mangelnder Kostentransparenz und möglicher Interessenskonflikte verboten.5 Wohlgemerkt: Das Geschäftsmodell wurde untersagt, nicht die Unternehmen selbst. Viele Neobroker passen ihre Geschäftsmodelle an und verfügen bereits über Banklizenzen. Beispielsweise erhielt ein Tochterunternehmen des deutschen Marktführers Trade Republic, die Trade Republic Business III GmbH, am 23. Januar 2026 eine BaFin-Lizenz für6

Mit der Transformation der digitalen Handelsplattformen zu digitalen Direktbanken eröffnen sich Chancen für die Finanzberatung. Denn in der Beratungspraxis zeigt sich regelmäßig: Kurzfristiges Handeln an den Kapitalmärkten und langfristiger Vermögensaufbau für die Altersvorsorge sind zwei grundlegend unterschiedliche Ansätze. Fondsgebundene Rentenversicherungen mit flexiblen Gestaltungsmöglichkeiten fördern eine von Marktphasen unabhängige langfristige Disziplin – die auch für Kunden von Neobrokern von zentraler Bedeutung ist.

Neobroker und Fondspolice: Duett statt Duell

Es geht nicht um ein Entweder-oder – nicht um ein Duell zwischen Neobroker und Versicherung. Die Grundlage moderner, langfristiger Finanzplanung sollte ein Duett von Neobroker-Depots und fondsgebundenen Rentenversicherungen sein. Entscheidend ist die individuelle Gewichtung von kurzfristiger Flexibilität und langfristiger Sicherheit.

Erläutern Sie am besten in Ihren nächsten Kundengesprächen anschaulich die jeweiligen Vor- und Nachteile mithilfe einer einfachen Differenzierung:

  1. Kurzfristiges Handeln – etwa mit trendbasierten ETFs – erfolgt über Neobroker
  2. Langfristige Altersvorsorge gilt es im Rahmen steuerlich effizienter, fondsgebundener Rentenversicherungen aufzubauen.

Vermitteln Sie Ihren Kundinnen und Kunden, warum diese Kombination sinnvoll ist:

In einer „Core-Satellite-Betrachtung“ können sowohl fondsgebundene Rentenversicherungen als Kern, als auch Neobroker als Satelliten in einer für Kunden sehr gewinnbringenden Koexistenz bestehen. Langfristiges Investieren mit dem „buy and hold“ Ansatz gilt es zu verknüpfen mit kurzfristig orientierten Trading-Modellen des Market-Timings.

Was sich komplex anhört ist gar nicht so schwer: Kerninvestments, wie beispielsweise weltweit investierende Aktien-ETFs, „lagert“ man langfristig in Versicherungsverträgen. Den dafür zu akzeptierenden Kosten stehen langfristige Leistungen wie beispielsweise ein höherer Zinseszinseffekt aufgrund von Steuerstundung gegenüber. Neobroker-Depots bieten als Satelliteninvestments die Möglichkeit auf kurzfristige Trends durch ETFs und Einzelaktien zu setzen.

Machen Sie es Ihren Kunden mit Core-Satellite-Strukturen möglichst einfach zu kaufen. Bedenken Sie dabei immer, dass vor allem jungen Menschen der Überzeugung folgen: Was nicht einfach geht, geht einfach nicht!


Quellen

1 About Us | Robinhood
2 Neobroker Statistiken: So viele Kunden haben Trade Republic & Co
3 Eine sehr gute Übersicht zu Neobrokern finden Sie bei extraETF – Wir helfen dir, finanziell zu wachsen
4 Sparkassen-App vor dem Start: „Besser als jeder Neobroker“ | Unternehmen | 17.03.2026 | FONDS professionell 
5 Umstrittene Bezahlpraxis: Zwei weitere Jahre Schonfrist für Neobroker | Recht | 25.03.2024 | FONDS professionell Die EU hat Payment for Orderflow am 8. März 2024 in der geänderten Fassung der Verordnung (EU) 600/2014 (MiFIR, Artikel 39a Absatz 1) wegen Interessenkonflikten untersagt. Die Mitgliedstaaten der Europäischen Union können aber bis zum 30. Juni 2026 davon abweichen (Artikel 39a, Absatz 2 der MiFIR).
6 BaFin – Unternehmensdatenbank BaFin; Trade Republic im März 2026: Der Neobroker zwischen Innovation & Regulierung; Trade Republic erhält Lizenz für eigenen Handelsplatz | heise online; WpIG – Gesetz zur Beaufsichtigung von Wertpapierinstituten

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